L’AVENIR

R: Mia Hansen-Løve, Frankreich/Deutschland 2016

Die Wiederentdeckung der Freiheit.

Für Nathalie Chazeaux (Isabelle Huppert) stellt die Philosophie einen wichtigen Bezugspunkt in ihrem Leben dar: Sie unterrichtet besagte Wissenschaft, genauso wie ihr Ehemann Heinz (André Marcon), und verfasst nebenbei philosophische Essays und Schulbücher. Als ihr Mann sie nach 25 gemeinsamen Ehejahren für eine andere Frau verlässt, ihre Mutter (Édith Scob) in ein Altersheim übersiedelt und auch die beiden Kinder Flüge werden, weiß Nathalie im ersten Moment nicht, mit ihrer neugewonnen Freiheit umzugehen. So besucht sie einen ehemaligen Schüler (Roman Kolinka), dessen minimalistischer Lebensstil so ganz konträr zu ihrem eigenen erscheint. Oder entdeckt sie dadurch längst vergessene Ambitionen wieder, die sie im Laufe ihres Lebens verloren zu haben glaubte?

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Isabelle Huppert ist mit sechs Filmen alleine im Jahr 2016 eine der zurzeit meistbeschäftigsten Schauspielerinnen Frankreichs. Neben der in Paul Verhoevens Elle sticht vor allem ihre Darstellung in L’avenir hervor – obwohl die zwei Figuren sich an Gegensätzlichkeit nicht überbieten könnten, gibt es doch eine Gemeinsamkeit: beide Frauen beweisen eine Stärke, die sie trotz aller Umstände nicht in eine Opferrolle abgleiten lässt.

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Es ist die erste Zusammenarbeit zwischen ihr und der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løve, welche mit dem Filmemacher Olivier Assayas verheiratet ist und deren Eltern ebenfalls Philosophieprofessoren waren. Hansen-Løve zeigt in ihren Filmen gerne Menschen, die an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt stehen und nicht so recht wissen, damit umzugehen. In dem 2011 erschienen Werk Un amour de jeunesse ging es noch um die erste Liebe und den Übergang von der Adoleszenz ins Erwachsenenalter. In L’avenir hat Nathalie dieses längst erreicht bzw. durchlebt und sieht sich nun vor die Aufgabe gestellt, ihre verschiedenen Rollen – jene als „Mutter“, als „Ehefrau“, als „Tochter“ – hinter sich zu lassen.

Huppert verkörpert Nathalie als Frau, die ihre Orientierung verloren hat. Darauf reagiert sie allerdings nicht mit Verzweiflung, sondern viel eher geht eine anfängliche Unsicherheit über in neu gewonnenen Mut.

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„Ich wollte, dass Nathalie ironisch sein kann, aber nie verbittert wirkt.“ meint Mia Hansen-Love im Gespräch mit dem Standard. Und weiters: „Meine Figuren haben ihre Schwächen, ihre Melancholie. Aber sie haben auch einen Glauben, der sie weiterschreiten lässt.“ Die Ambiguität, die Nathalie umgibt – ihre Orientierungslosigkeit und ihre Stärke – kommt vor allem in den stillen Momenten zum Ausdruck: Wenn sie weint, macht sie dies nie vor den anderen Charakteren. Nur vor dem Zuschauer.

Philosophische Fragen ergeben sich genauso wie sozialpolitische. Theodor W. Adorno, Hans-Magnus Enzensberger und Günther Anders sind Namen, die im Laufe des Films fallen. Genauso Schlüsselbegriffe wie die Frankfurter Schule, Anarchismus oder Radikalität. Ein Hintergrundwissen dazu wäre für den Subtext des Filmes zwar von Vorteil, für das Verständnis dessen Grundaussagen allerdings nicht unbedingt unabdingbar.
L’avenir bewegt sich vom melancholischen Blick in die Vergangenheit Richtung erwartungsvollen Blick in die Zukunft. Wie diese jedoch für Nathalie aussieht, lässt der Film offen. Wichtig ist ohnehin nur, dass ihr nichts mehr im Wege steht.

Kinostart (D): 18. August 2016 / Kinostart (Ö): 04. November 2016

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Termine Viennale 2016: 25.10. / 29.10.

DVD-Release: 10. März 2017

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2 Gedanken zu „L’AVENIR

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